Mehr Schutz für Kinder und Jugendliche: Rheingau-Taunus-Kreis richtet Inobhutnahmen neu aus

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Jugendhilfe, Jugendförderung

Schutz für junge Menschen in akuten Krisensituationen soll nachhaltig verbessert werden / Kreisausschuss hat beschlossen, verbindlich vorgehaltene Plätze bei einem geeigneten Träger der Jugend- und Eingliederungshilfe einzurichten / Kosten des neuen Modells würden nur rund ein Drittel der aktuellen Gesamtkosten betragen

Der Rheingau-Taunus-Kreis stellt die Weichen für eine grundlegende Neuordnung der Inobhutnahme und für die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Krisensituationen. Ziel ist es, den Schutz junger Menschen in akuten Krisensituationen nachhaltig zu verbessern – und zugleich die stark gestiegenen Kosten für Notlösungen deutlich zu reduzieren.

So ist die Situation – und deshalb handeln wir jetzt 

Die Zahl der Inobhutnahmen im Kreis ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen: von 50 Fällen im Jahr 2022 auf 73 Fälle im Jahr 2025. Zusätzlich ist die Notwendigkeit gestiegen, Kinder in Krisensituationen in Kooperation mit den Eltern unterstützend unterzubringen. Im Zeitraum hat sich der finanzielle Aufwand nahezu verdreifacht – von rund 564.000 Euro im Jahr 2024 auf rund 1,45 Millionen Euro im Jahr 2025. Dieser Kostenanstieg ist nicht allein durch höhere Fallzahlen erklärbar, sondern vor allem durch massiv gestiegene Tagessätze in akuten Krisensituationen, bedingt durch gestiegene Personalkosten und allgemeine Kostensteigerungen. 

Wenn Kinder und Jugendliche kurzfristig in Obhut genommen werden müssen – etwa aufgrund von Vernachlässigung, Gewalt, psychischer Krisen oder Suizidalität –, ist das Jugendamt gesetzlich verpflichtet, sofort Schutz und Unterkunft zu gewährleisten. Doch geeignete Plätze sind bundesweit knapp. Die Folge:

  • Bis zu 200 Anfragen bundesweit in Einzelfällen
  • Wartezeiten von mehreren Monaten
  • Notunterbringungen in nicht bedarfsgerechten Einrichtungen
  • In Extremfällen Unterbringung in Hotels mit pädagogischer Betreuung und Sicherheitspersonal als Notlösung

Landrat Sandro Zehner: „Kinder- und Jugendschutz duldet keine Provisorien und keinen Verzug. Wenn junge Menschen in akuter Gefahr sind, brauchen sie sofort einen sicheren Ort mit professioneller Begleitung – keine Warteschleifen und keine Notlösungen. Mit festen Inobhutnahmeplätzen schaffen wir Verlässlichkeit, Qualität und zugleich finanzielle Planbarkeit. Das ist ein notwendiger Schritt für mehr Schutz und mehr Struktur im System.“ 

Junge Menschen, die Stabilität, therapeutische Begleitung und einen geschützten Rahmen benötigen, dürfen nicht in einem Hotelzimmer auf ihre Perspektiven warten müssen. Das widerspreche dem Anspruch des Rheingau-Taunus-Kreises an professionellen Kinder- und Jugendschutz, so Zehner. 

Ebenso wenig dürften junge Menschen mit akuter Suizidgefahr nach der Entlassung aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie mangels geeigneter Anschlussmaßnahme wieder vorschnell in ein familiäres Umfeld zurückgeführt werden, das nachweislich überfordert sei und die notwendige Sicherheit nicht gewährleisten könne.

Auch finanziell sind Unterbringungen im Hotel sowie der hohe organisatorische Aufwand nicht zielführend. Auch die Ausgaben der Notunterbringungen in der Jugendhilfe sind Teil der strukturellen Unterfinanzierung, die den Kreishaushalt massiv belasten: „Es darf aber keine Frage sein, ob wir es uns leisten können, ein Kind in Sicherheit zu bringen oder ihm die Unterstützung zuteilwerden zu lassen, die es in einer Notsituation braucht“, so Zehner. „Wir tragen als Gesellschaft, Politik und Verwaltung für jedes Kind Verantwortung. Dem können wir mit der jetzt durch den Kreisausschuss beschlossenen Neuausrichtung der Inobhutnahme auch angesichts der dramatischen Rahmenbedingungen besser gerecht werden.“

Verlässliche Plätze statt teurer Notlösungen

Der Kreisausschuss hat beschlossen, die Inobhutnahme strukturell neu auszurichten. Künftig sollen verbindlich vorgehaltene Plätze bei einem geeigneten Träger der Jugend- und Eingliederungshilfe eingerichtet werden.

Konkret bedeutet das:

  • Aufbau von bis zu sechs festen Inobhutnahmeplätzen im Rheingau-Taunus-Kreis
  • Davon vier Plätze im Bereich SGB VIII (Jugendhilfe)
  • zwei Plätze für Kinder und Jugendliche mit Schwer- und Mehrfachbehinderungen (SGB IX)
  • Möglichkeit der Unterbringung in Wohngruppen – ohne Geschwisterkinder auseinanderzureißen
  • Sicherstellung einer fachlich qualifizierten, kontinuierlichen Betreuung

Derzeit läuft die Suche nach einem Träger. Ziel ist nicht die Belegung einzelner verstreuter Plätze, sondern idealerweise die Kooperation mit einem Träger, der alle betroffenen jungen Menschen aufnehmen kann, auch die besonders herausfordernden Fälle. Der Träger soll ein tragfähiges Konzept vorlegen, inklusive Immobilie und Personalausstattung.

Warum dieses Modell besser ist – für Kinder und für den Kreis

Derzeit muss in akuten Situationen jedes verfügbare Angebot – unabhängig von Passgenauigkeit oder Preis – angenommen werden, um das Kindeswohl zu sichern. Tagessätze von 500 bis 800 Euro sind inzwischen keine Ausnahme mehr. Zusatzstunden können mit bis zu 100 Euro pro Fachleistungsstunde zu Buche schlagen.

Mit fest vereinbarten Plätzen entstehen kalkulierbare Strukturen:

  • Schnell verfügbare Unterbringung
  • Möglichkeit des Verbleibs der Kinder in ihrem sozialen Umfeld
  • Passgenaue pädagogische und therapeutische Settings
  • Reduzierung von Beziehungsabbrüchen
  • Weniger kostenintensive Kriseneskalationen
  • Deutliche Haushaltsentlastung durch planbare Ausgaben

Das neue Modell würde – bei realistischer Auslastung – insgesamt nur rund ein Drittel der derzeitigen Gesamtkosten verursachen. 

Warum die Entwicklung so dramatisch ist

Häufig liegen den komplexen Problemlagen Bindungsstörungen zugrunde – verursacht durch Sucht, psychische Erkrankungen der Eltern, instabile Lebensverhältnisse oder wiederholte Beziehungsabbrüche. Diese Kinder und Jugendlichen fordern ihr Umfeld stark heraus. Wenn sie wiederholt Einrichtungen wechseln müssen, wächst ihr Misstrauen gegenüber dem Hilfesystem – und ihre Situation verschärft sich weiter.

Zugleich werden gesellschaftliche Schutznetze brüchiger. Vernachlässigung und Überforderung treten vielfach erst dann offen zutage, wenn die Krise bereits eskaliert ist.

Der Kreis investiert weiterhin intensiv in präventive Angebote, um Inobhutnahmen möglichst zu vermeiden, denn starke Familien, ein gutes soziales Umfeld und ein sicheres Zuhause sind für jedes Kind der beste Ort um aufzuwachsen. Erziehungsberatung, Frühe Hilfen und ambulante Unterstützungsmaßnahmen, gehören seit Jahren zu etablierten und gut genutzten Angeboten.