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Datum:02.05.2017
Kategorie: Integration
Autor: Pressestelle

„Wir wollen geflüchteten Frauen eine (Berufs-) Chance geben“

Aufgabe erfüllt: Der Fisch ist zu erkennen. Anja Braun begutachtet das Ergebnis der jungen geflüchteten Frau, die aus Afghanistan kam. Im Hintergrund sind (von links nach rechts) Beate Gottschall und Dr. Dorothee Freudenberg von der Stiftung CITOYEN sowie Schulleiter Markus Enders (verdeckt) und Daniela Leß zu sehen.

Vorstand der Stiftung CITOYEN informiert sich über das Projekt „Kompetenzfeststellung für geflüchtete Frauen“ an den Beruflichen Schulen Untertaunus / Handwerkliche Fähigkeiten werden getestet

Anya (Name geändert) ist aus dem Irak geflohen. „Seit 14 Monaten lebe ich hier“, sagt die 20-Jährige und meint damit den Rheingau-Taunus-Kreis. Über ihre Flucht, die Erlebnisse auf dem Weg vom Irak über die Türkei und – „mit einem wackligen Boot“ – über die Adria nach Europa und zuletzt nach Deutschland, will sie nichts erzählen. Jetzt besucht Anya eine der acht Intensivklassen – kurz InteA für „Integration durch Anschluss und Abschluss“ genannt – an den Beruflichen Schulen Untertaunus (BSU) in Hahn, wo sie die deutsche Sprache erlernt. Schnell wird deutlich, die Verständigung klappt schon bestens. Doch an diesem Tag im Metallwerkraum der Schule geht es nicht um deutsche Vokabeln – heute soll die 20-Jährige gemeinsam mit drei jungen Frauen aus Afghanistan ihre handwerklichen Fähigkeiten demonstrieren.

Die Kompetenzfeststellung mit Berufswegeplanung und einem begleitendem Mentoring für geflüchtete Frauen ist Inhalt des Modellprojektes der Stiftung CITOYEN im Rahmen der Integrationsstrategie des Rheingau-Taunus-Kreises in Kooperation mit der Netzwerk Leben Rhein-Main gGmbH. Die Stiftung aus Frankfurt finanziert das Projekt, das insgesamt 50 jungen, geflüchteten Frauen mit Bleibeperspektive, davon 25 aus den InteA-Klassen der BSU und der Beruflichen Schulen Rheingau, zu Gute kommt. „Wir haben uns ganz bewusst für dieses Projekt mit Frauen entschieden, weil Integration nur dann gelingen kann, wenn Frauen ganz aktiv in diesen Prozess mit eingebunden sind“, betonen Beate Gottschall und Dr. Dorothee Freudenberg vom Vorstand der Stiftung CITOYEN, die sich persönlich ein Bild von dem Ablauf der Kompetenzfeststellung in der Berufsschule verschaffen.

Bei dem Besuch sind Schulleiter Markus Enders, Abteilungsleiterin Silke Pauly.Fachbereichsleiterin Soziales, Daniela Leß, Projektinitiator Jörg Weber, dem Koordinator der Hamet-Testung, Thomas Dohmen, und Hamet-Testerin Anja Braun zugegen. Insgesamt 132 Schülerinnen und Schüler sind in den acht InteA-Klassen untergebracht, teilt der Schulleiter mit, der detailliert die Anforderungen und Herausforderungen darstellt, denen sich tagtäglich die jungen Flüchtlinge, aber auch die Schule und ihr Lehrerkollegium gegenüber sehen. „Denn letztlich machen wir unsere Erfahrungen in der Praxis, gab es doch zuvor keine Anleitungen, die den Umgang in einer solchen Situation mit unterschiedlichsten Fragestellungen regeln“, so Markus Enders.

Gibt es Zeugnisse aus dem Heimatland? Werden sie hier anerkannt? Wie gelingt die Eingewöhnung in der unbekannten Umgebung? „Die Schule sieht sich täglich mit unzähligen Fragen konfrontiert“, erzählt Enders aus dem Schulalltag. Die einst vorgegebene Idealvorstellung, dass die jungen Flüchtlinge nach zwei Jahren Unterricht einen Schulabschluss erringen können, sei eher illusorisch. Schnell müsse entschieden werden, wie die Beschulung dieser jungen Menschen über das 18. Lebensjahr – dann endet die Schulpflicht – hinaus erfolgen kann.

„Das Modellprojekt kommt da zur rechten Zeit“, ist sich Markus Enders sicher. Es soll jungen Frauen die Möglichkeit zur Eigenständigkeit eröffnen. Sie sollen selbst über ihren weiteren beruflichen Weg entscheiden können. Denn: In ihren Heimatländern haben die wenigsten gearbeitet, weil Tradition und Kultur die Frauen als Hüterin des Hauses sehen. Die Erfahrung aus den InteA-Klassen zeige zudem, dass die jungen Frauen in der neuen Umgebung einen schweren Stand gegenüber ihren männlichen Altersgenossen haben. Die Erziehung, die kulturelle Herkunft aus den männerdominierten Ländern sorge dafür, dass Frauen und Männer in den anerzogenen Gewohnheiten, Traditionen und Verhaltensregeln verharren. Die Jungs lassen die jungen Frauen schon mal nicht zu Wort kommen; fordern sie sogar auf, zu schweigen, so eine Erfahrung.

„Das Festhalten an dem Verhaltenskodex aus den Herkunftsländern wollen wir mit dem Modellprojekt ein Stückweit aufbrechen. Nur wenn die jungen Frauen selbstbewusst sind, einen Willen zur Selbständigkeit entwickeln, kann ihre Integration gelingen“, betont Beate Gottschall. Dass die Ausbildungsfähigkeit bei vielen jungen Frauen, die geflüchtet sind, vorhanden ist, bestätigt Thomas Dohmen. „Es sind viele junge Frauen zu uns gekommen. Derzeit ist aber noch die Sprache das Hemmnis schlechthin.“

In der Metallwerkstatt sitzen derweil die vier jungen Frauen (17 bis 20 Jahre alt) und stellen sich den unterschiedlichen, sich nach Schwierigkeitsgrad steigernden Aufgaben. Angewandt wird das allseits anerkannte Hamet-Testverfahren, das berufliche Basiskompetenz abfragt. Die Frauen müssen mit unterschiedlichen Werkzeugen arbeiten, wobei gerade die Präzision und die Zeit eine wichtige Rolle spielen. Fehler werden vermerkt und gehen in die Bewertung ein. Auf einem Holzstück ist etwa der Umriss eines Fisches aufgezeichnet. Mit einer Feile gilt es nun, die Form frei zu raspeln. Später muss ein Draht nach einer bestimmten Vorgabe gebogen werden.

„Eingang in die Bewertung finden aber auch weitere Aspekte, etwa Teamarbeit, soziales Verhalten oder die Herangehensweise an die Aufgabe“, berichten Anja Braun und Thomas Dohmen. „Die Vier sind ein gutes Team“, urteilt Anja Braun, ohne aber der End-Bewertung vorgreifen zu wollen. Am zweiten Tag schließen sich Gespräche – orientiert am sogenannten Profilpass – an. Daraus ergeben sich erste Ansätze für die weitere Planung, die sich durch ergänzende Gespräche, etwa mit den Lehrerinnen der InteA-Klassen und der Berufsberatung verdichten. Danach liege die Berufswegeplanung vor und – bei günstigem Verlauf – wird die Vermittlung in eine Ausbildung angestrebt.

Zur Stiftung CITOYEN:
Die Stiftung CITOYEN ist eine Bürgerstiftung. Ihr Ziel ist es, Gemeinsinn und bürgerschaftliches Engagement im Rhein-Main-Gebiet zu stärken. Die Stiftung CITOYEN führt eigene Projekte durch und unterstützt Projekte Dritter. Sie hat ihren Sitz in Frankfurt am Main.

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